Überflüssige Strassenbenennungen

Zu den merkwürdigsten Eigenheiten Wiens gehört der seit einigen Jahren festzustellende Wildwuchs an Strassenum- und -neubenennungen. Wir meinen damit nicht etwa die Benennung neuer Verkehrsflächen in einem auf der grünen Wiese entstandenen Neubaugebiet, die selbstverständlich einen Namen benötigen, um auf diese Weise identifizierbar und auffindbar werden, sondern die Umbenennung von seit langem unter einem anderen Namen bekannten Straßenabschnitten und Kreuzungen.

So heißt z.B. ein kleiner Teil des in der ganzen Welt als Synonym österreichischer Staatskunst bekannten Ballhausplatzes seit einigen Jahren „Bruno-Kreisky-Gasse“, während man eine völlig unauffällige, durch keinerlei äußere Gliederung hervorstechende Straßenkreuzung am Landstrasser Gürtel nach einem früheren Unterrichtsminister in „Heinrich-Drimmel-Platz“ umbenannt hat. „Heinrich-Drimmel-Platz“? Niemand, der dort über die Strasse geht, wird den Eindruck haben, sich auf einem räumlich abgesonderten „Platz“ zu befinden. Es ist nicht anzunehmen, dass viele Bürger den neuen Platz überhaupt bemerkt haben, geschweige denn seinen Namen kennen und dazu verwenden, um dort einen Treffpunkt zu vereinbaren.

Skurril ist, dass diese neuzubenennenden Verkehrsflächen gerne so definiert werden, dass ihretwegen niemand seinen Briefkopf ändern muss: die vielen neuen Gassen und Plätze haben meistens keine Häuser, keine Adressen, keine Einwohner.

Der offenkundige Zweck dieser Maßnahmen ist die Würdigung mehr oder weniger bekannter Persönlichkeiten an möglichst prominenter Stelle. Solche Würdigungen mögen gewiss in vielen (wenn auch nicht in allen) Fällen wohlverdient sein – doch man darf sich fragen, ob dadurch der eigentliche Zweck von Strassenbenennungen, nämlich die Hilfe bei der Orientierung, nicht ad absurdum geführt wird. Dem Tourist, dem erklärt wurde, dass er vom Stephansplatz über die Kärntner Strasse zur Secession gelangen kann, hilft es gewiss nicht weiter, dass der längs der Staatsoper verlaufende Abschnitt der Strasse nunmehr „Herbert-von-Karajan-Platz“ heißt, um sich jenseits des Opernrings wieder in „Kärntner Strasse“ zurückzuverwandeln. Und wenn jemand, der nach der Musikhochschule sucht, sich selbst bei einem sehr ortskundigen Wiener nach der Adresse „Anton-von-Webern-Platz“ erkundigt, wird ihm dieser wohl keine Auskunft geben können. Die Linke Bahngasse, die nunmehr auf dreissig Meter Länge so heißt, kennt hingegen jeder.

Keine Sorge, wir gönnen all den Zilks und Dohnals ihre Plätze und Gassen. Aber vielleicht dürfen wir trotzdem die Stadtverwaltung in aller Demut darum bitten, nicht ohne Not bestehende Straßennamen zu ändern. Drüben in der Seestadt Aspern oder oben am Wienerberg entstehen genügend neue Verkehrsflächen, um alle Bedürfnisse sozial-demokratischer Geschichtspolitik nach Herzenslust zu befriedigen.