Seltsame Denkmäler

Das Errichten von Denkmälern ist in Wien – wie auch in den meisten anderen europäischen Metropolen – erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts groß in Mode gekommen. Zuvor gab es Epitaphe in allen Kirchen, Grabsteine auf allen Friedhöfen, Pestsäulen (meistens der hl. Dreifaltigkeit gewidmet wie jene am Graben) und Mariensäulen, und ausnahmsweise ein Monument für den einen oder anderen Herrscher oder Feldherrn – aber davon einmal abgesehen ziemlich wenige Denkmäler. Es scheint eine ziemlich bildungsbürgerliche Manie zu sein, den öffentlichen Raum  mit den Standbildern von Dichtern, Musikern, und Philosophen zu möblieren – oft auch mit solchen, die mit dem Ort, an dem ihrer gedacht werden soll, überhaupt nichts zu tun haben. So hat selbstverständlich jede deutsche Kleinstadt ihren Schiller und ihren Goethe – und auch in Wien, das weder der eine noch der andere jemals betreten hat, dürfen die beiden nicht fehlen: sie blicken einander über die Ringstrasse hinweg an, Goethe sitzend und Schiller stehend. Und Lessing gibt es in Wien auch, nämlich am Judenplatz. Und Gutenberg, ein anderer Held des Bildungsbürgertums, steht am Lugeck, war aber zu Lebzeiten ebenfalls nie in Wien. Daneben gibt es natürlich auch viele Denkmäler für Personen, die tatsächlich einen Bezug zu Wien aufweisen: vom römischen Kaiser Marc Aurel zum Operettensänger Alexander Girardi, vom Komponisten Johann Strauss zu den Bürgermeistern Liebenberg und Lueger, von Rudolf von Alt zu Clemens Maria Hofbauer.

Seit einiger Zeit sind jedoch mehrere neue Trends zu beobachten, die zu denken geben. Einer davon ist das Entstehen eines säkularen Opferkults:  es werden plötzlich sehr viele Mahnmäler errichtet. Man wendet sich vom Positiven ab und dem Negativen zu; man feiert nicht mehr, sondern man klagt an.

Ein solches Gedenken an die Opfer von Gewalt und Unrecht, von denen es im Laufe der Geschichte (und vor allem im zwanzigsten Jahrhundert) sehr viele gab, ist natürlich legitim und sehr ehrenwert. Bedauerlicherweise scheint diese Hinwendung zu den Schattenseiten der Geschichte aber oft von einem gewissen ästhetischen Masochismus begleitet zu sein: die Nachgeboren glauben offenbar, ihre Altvorderen und sich selbst dadurch bestrafen zu müssen, dass sie den öffentlichen Raum mit möglichst hässlichen Objekten verunstalten – vielleicht weil nur solche der Hässlichkeit des historischen Geschehens, an das erinnert werden soll, gerecht werden. Das Holocaust-Mahnmal am Judenplatz (der bis dahin praktisch der einzige noch weitgehend unverdorbene innerstädtische Platz war) und das „Denkmal für die Opfer von Krieg und Faschismus“  am Albertinaplatz sind herausragende Beispiele für diese Art der Selbstbestrafung.

Freilich gibt es neuerdings auch Denkmäler, die hässlich sind, obwohl der Anlass des Gedenkens eigentlich ein erfreulicher wäre: beispielsweise das Denkmal zum vierzigjährigen Jubiläum der EU (der Österreich erst 37 Jahre nach ihrer Gründung beigetreten ist, was vielleicht den Enthusiasmus erklärt, der 1998, im Jahr der Errichtung dieses Monuments offenbar noch vorhanden war…) oder das Denkmal der Staatsgründung.

Am seltsamsten ist freilich, das zuletzt immer wieder auch Denkmäler errichtet werden, die keine sind, weil sie weder auf verdienstvolle Personen noch auf historische Ereignisse hinweisen. Gewiss hat jede dieser Skulpturen einen Titel, der darauf hinweist, was damit zum Ausdruck gebracht werden soll: insofern könnte man von „abstrakten Denkmälern“ sprechen. Beispiele hierfür sind die sonderbaren Stelen an der Gartenbaupromenade neben dem Hotel Marriott und der seltsame Monolith auf dem nunmehr in „Bruno-Kreisky-Gasse“ umbenannten Teil des Minoritenplatzes: sollen diese Objekte blossen Dekorationszwecken dienen? Dazu sind sie zu hässlich. Oder dienen auch sie der Bestrafung des Volkes für eine „Geschichte, die nicht vergehen will“? Dann sollte man uns wenigstens erklären, auf welchen Aspekt unserer Geschichte sich diese Strafe bezieht – aber man lässt uns im Unklaren.

Oder leiden unsere Stadtväter schlicht und einfach an einem horror vacui? Lieber den Platz mit einem hässlichen Objekt füllen, als ihn freilassen?

Man wüsste es gerne.