Hauptbahnhof (ehem. Südbahnhof)

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Es ist das Merkmal grosser Metropolen, dass sie über mehrere grosse Bahnhöfe verfügen, nicht einfach nur über einen Hauptbahnhof. Und natürlich sollte es sich bei diesen Bahnhöfen um Kopfbahnhöfe handeln, die klar zum Ausdruck bringen: hier ist die Reise zu Ende, das eigentliche Reiseziel erreicht. Städte mit Kopfbahnhöfen sind selbstbewusst: sie sind nicht x-beliebige Durchgangsstationen, sondern Reiseziele, die es verdienen, dass man sich an ihnen ein paar Tage aufhält.

Paris hat 6 Kopfbahnhöfe (Nord, Est, Austerlitz, Lyon, Montparnasse, St. Lazare), St. Petersburg 5 (Baltijskij, Varšavskij, Vitebskij, Moskovskij, Finljandskij), Moskau hat 8 (Belorusskij, Rižskij, Leningradskij, Jaroslavskij, Kazanskij, Pavelezkij, Kievskij, Savjolovskij), Budapest hat immerhin 3 (Deli, Keleti, Nyugati), und von London reden wir erst gar nicht. Wien war einst mit West-, Süd-, Ost-, Nord-, Nordwest-, und Franz-Josefs-Bahnhof ebenfalls ganz gut bestückt, hat sich jetzt aber mit dem Bau eines neuen „Hauptbahnhofs“ quasi selbst degradiert.

Gewiss, ein zentral gelegener Durchgangsbahnhof bietet nicht unerhebliche praktische Vrteile, und unter diesem Aspekt wäre die Änderung zu begrüssen, wären nicht bei der Planung gewisse Fehler unterlaufen. So ist es beispielsweise nicht ganz verständlich, weshalb man das Bahnhofsgebäude nicht von vornherein an den bereits mit einem U-Bahn-Anschluss ausgestatteten Südtiroler Platz verlegen wollte, sondern an eine Stelle, wo es noch keine U-Bahn gab und bis auf weiteres auch keine geben wird. Erst in einem fortgeschrittenen Stadium (und infolge von Bürgerprotesten, die man zunächst ignorieren wollte, konnte hier zumindest eine gewisse Verbesserung erzielt werden. Ein weiterer Planungsfehler liegt aber in dem Umstand, dass die Südbahndie Stadt weiterhin auf einem über dem Niveau des umliegenden Geländes gelegenen Bahndamm erreicht, wodurch der zehnte Bezirk von der restlichen Stadt abgeschnitten wird. Hier wären städteplanerisch sehr erhebliche Vorteile zu gewinnen gewesen, hätte man sich dazu entschliessen können, die Bahn ab Meidling bzw. Matzleinsdorf tieferzulegen.

Was das äussere Erscheinungsbild des Bahnhofs betrifft, so ist letztlich nur ein ideenloses, banales Bauwerk entstanden, das bei Besuchern keine starken Eindrücke hinterlassen wird, wenn nicht den, dass man sich in ihm leicht verirrt.

Der Vorgängerbau aus den 1950erjahren war schon sehr heruntergekommen – zum Zeitpunkt seiner Inbetriebnahme war er aber zweifellos ansprechender als der neue Hauptbahnhof.

(Vom Südbahnhof und vom Ostbahnhof der Kaiserzeit, zwei Prachtbauten des Ringstrassenstils, schweigen wir lieber…)

Wahrhaft katastrophal ist aber die Art und Weise, wie das durch den Abbruch des früheren Kopfbahnhofs freigewordene Gelände gestaltet worden ist. Hier handelt es sich um eine hochsensible Zone in direkter Nachbarschaft zum Oberen Belvedere und zum Schweizergarten – doch statt es zu parzellieren und mit vernünftigen Bebauungsvorschriften verschiedenen Bauherren zur Bebauung zu überlassen, hat man sich wieder einmal für die Monokultur entschieden: Die „Erste Group“ hat in unmittelbarer Nachbarschaft zum Oberen Belvedere einen Bürokomplex von der Grösse eines ganzen Stadtviertels errichten lassen, dessen monotone Stahl-Glas-Fassaden nunmehr die Szene völlig dominieren.